Lieder eines Postmodernen Arschlochs

 


Wortfront – (AUDIO CD)
Lieder eines Postmodernen Arschlochs (2006)

   
Lieder eines Postmodernen Arschlochs
 

Hörproben:

 
 

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Ausgezeichnet durch den
"Preis der deutschen Schallplattenkritik".

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Vertriebs-Text.
EXTRAPLATTE EX-LC 13316
Jewel Case 1CD PC: VL 9005346953103
Humor und Scharfsinn prägen diese “Lieder eines postmodernen Arschlochs”, durchaus auch mal mitfühlend vorgetragen von Sandra Kreisler und Roger Stein. Stilistisch bewegen sich die beiden Wortfront-Aktivisten mit ihren Begleitmusikern zwischen Chanson, Pop und Hip Hop. Mit scharfer Zunge wird hier die postmoderne, industrialisierte Welt aufs Korn genommen, dass es eine wahre “zeitgeistige” Freude ist.
 

Texte/ Lyrics


ZeiT.
Text und Musik: Roger Stein

Zeit zu kommen, Zeit zu gehen, und auch Zeit was zu verpassen
Zeit zu eilen, zu verweilen, und die Weihnachtszeit zu hassen
Zeit ist Geld, aber Geld nicht Zeit, und schnell kann Deine Zeit ablaufen
denn Zeit kann man nur besitzen, aber Zeit kann man nicht kaufen

Zeitlöcher, Zeitverschiebung, Zeitzigarren wie bei ‚Momo’
Und Zeit ihres Lebens wäscht meine Oma nur mit OMO
Und ich schreib ihr zum Geburtstag noch schnell ein paar Gedichte
Denn bald ist meine Oma auch schon wieder Zeitgeschichte

Ich brauch Zeit, um meine Zeit zu leben,
ich brauch Zeit, um Dir von meiner Zeit zu geben
Ich brauch Zeit, um ein bisschen zu verweilen
und das kleine bisschen Zeit mit deinem bisschen noch zu teilen
Ich brauche Zeit, um all die Menschen anzuseh’n,
ich brauche Zeit, um diesen Weg mit Dir zu geh’n
Ich brauche Zeit, um noch soviel zu probieren,
denn wenn ich schon mal hier bin, will ich doch auch was riskieren

Zeit zu geben, Zeit verlieren und auch manchmal Zeit gewinnen
Doch willst Du sie besitzen, wird sie Dir wie Staub zerrinnen
Und bin ich auch mal langsam, brauch ich mich hier nicht zu schämen
Denn ich bin fest entschlossen mir auch meine Zeit zu nehmen

Und ich ras nicht durchs das Dasein wie die Tour de France in Bestzeit
Denn ich brauche meine  Chance und ich brauch ein bisschen  Restzeit
und Rastzeit, um auch in Ruhe mal zu rasten
Und nicht an allem Schönen nur gehetzt vorbei zu hasten

Denn meine Zeit zerrinnt und mein bisschen  Zeit zerstiebt
Und wenn ich übern Fluss geht, wo es keine Zeit mehr gibt
Wird man mich fragen, und dann muss ich’s endlich wissen
Hab ich meine Zeit genützt und wie viel Zeit hab ich verschissen

 

Ich brauche Zeit, um meinen Sand zu sieben,
ich brauche Zeit, Zeit um Dich zu lieben
Ich brauche Zeit, um dieses grüne Gras zu schmecken,
denn ich will auf diesem Stern mit Dir so Vieles noch entdecken
Ich brauche Zeit, um noch ein bisschen hier zu bleiben,
ich brauche Zeit, um dir noch dieses Lied zu schreiben
Ich brauche Zeit, um mit dir hier zu leben,
ich brauche Zeit, um dir noch soviel Zeit zu geben

Ich brauche Zeit –
Nicht Ewigkeit – Nur Zeit...



Sei bereit, denn das ist deine Zeit

Deine Zukunft und Vergangenheit, drum nütze die Gelegenheit
Und breit sind die Strassen dieser Welt
Und als Regenschirm geb’ ich dir das ganze Himmelszelt

Und dann zählst du ein paar Leichen und die Wanduhr tickt im Flur
Und stur rinnt der Sand durch Deine Lebensuhr
Ach nur noch ein bisschen diese schöne Welt zu trinken
Und die Arme auszubreiten und der Sonne zuzuwinken

Wir brauchen Zeit, und wir lassen uns nicht blenden
Wir brauchen Zeit, und wollen keine Zeit verschwenden
Wir brauchen Zeit, um ganz in uns zu fliessen
Denn wir wollen jeden Tag auf dieser Erde noch geniessen
Wir brauchen Zeit, Zeit für unsere  Gedanken
Wir brauchen Zeit, um hier noch soviel Licht zu tanken
Wir brauchen Zeit, und wir gehen Querfeldein
Denn wir brauchen einfach Zeit, um noch ein bisschen hier zu sein...

 

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - Wortfront 2006
Solo-Cello: Orfeo Mandozzi
Gesang: Sandra Kreisler & Roger Stein




Notausgang
Text & Musik: Roger Stein

 

Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...
Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...

Mein Plattenspieler hängt seit Jahren in der gleichen Rille
und ich spiele immer nur den alten Song
und dann schluck täglich meine Psychopille
und er singt „we will be strong“
In der Ecke liegen ein paar leere Flaschen
und fremde Zeichen stehen an der Wend
und ich hab’ ne Hand voll Schmerz in meinen Taschen
aber noch ein Häufchen Hoffnung in der Hand

Eine Frau hängt ihre Sehnsucht an die Wäscheleine
und ihren Mann hängt sie gleich daneben auf
aber bald ist wieder einmal Weihnachten
auch wenn ich jetzt schon Ostereier kauf
und ich setze meine Träume in ein Gummiboot
und schick sie weit, weit übers Meer
doch plötzlich hab ich Angst, dass ich was versäume
und dann rudere ich ihnen hinterher

Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...
Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...

Eine Fangfrage fängt sich in sich selber
Und der Kenner kennt sich selber nicht mehr aus
Und das tausendfach Ungesagte
will über eine schmale Zunge raus
Ein einsamer alter Demonstrant
verunsichert die ganze Innenstadt
auch wenn die Sonderpolizei
schon alles abgeriegelt hat

Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...
Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...

 

Im Vorraum meiner Seele sitzt ein Fremder
Und ich wate sinnlos durch die Zeit
schlag die Tage und die Jahre breit
Im Sperrfeuer der Wirklichkeit
Ich hab öden alten Sand im Hirngetriebe
Und Du definierst mir Liebe...

Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang
Da klemmt bei mir ein Nervenstrang, ich kriege heute kein’ Empfang
Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...
Ich gehe so mein Hirn entlang und such nach einem Notausgang...

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs – Wortfront 2006




Herbstmanöver

Text & Musik: Roger Stein

 

Der Sommer war ne grosse Zeit,
und gestern war’s noch heller
Die Tage werden halb so breit,
die Schatten steigen schneller

 

Die warme Sicherheit kommt lau und weich ins Wanken
Der Herbst rammt dem Sommer seine Farben in die Flanken
Die Welt wird wieder bunter
und trennt sich vom Ballast
am Strand verharrt noch tapfer
ein letzter Badegast
Die Sonne verpasst
dem Korn die letzte Beizung
Der deutsche Hobby-Bastler repariert noch seine Heizung
Mit Baumarkt –
weil’s gut werden muss
Ein kurzes Liebesglück
verpasst
den letzten Kuss
Denn wenn die Tage dunkeln wird die Leichtigkeit zu Last
Und manches neue Paar stellt fest, dass es nicht zusammenpasst
Die Wohnung ist zu klein
für ne Liebe, die nicht stimmt
So bleibt man nun allein,
der nächste Sommer kommt bestimmt

 

Herbstmanöver – versperrt sind Tür und Gärten
Herbstmanöver – man besinnt sich auf die Härten
Herbstmanöver – Gedanken sind verworr’n
Doch der Alltag, der Alltag, kommt zäh und kahl von vorn

 

Die Früchte hängen schwer und reifen wieder um die Wette
Es duftet nach Vernichtung als Teil der Lebenskette
Blicke werden trüber, 
Strassen stehen breiter
Ein Schwalbenschwarm macht Station
und fliegt gleich wieder weiter
Die Natur geht in Totale, in ein letztes grosses Bäumen
Wir saufen uns den Bauch noch voll mit uns’ren Jugendträumen
und andern Illusionen,
denn die Nächte werden kälter
nie mehr so intensiv,
 – wir werden älter
Freuden kriegen Ecken und sie schneiden tiefe Falten
Die letzten Sommerreste
verrecken in den Spalten
Im Tiefflug hetzen Winde
und künden von Vollstreckung
Ein müder Optimismus, klärt sich ab – und geht in Deckung.

 

Herbstmanöver – versperrt sind Tür und Gärten
Herbstmanöver – man besinnt sich auf die Härten
Herbstmanöver – Gedanken sind verworr’n
Doch der Alltag, der Alltag, kommt zäh und kahl von vorn

 

Das Jahr zählt seine Tage
und es sehnt sich schon nach Wende
Und auch für verklemmte Spanner
geht jetzt die Saison zu Ende
Die Blätter und die Hoffnung
flattern fatalistisch nieder
Die Selbstmordraten steigen
statistisch endlich wieder

In den Gassen räumen Wirte ihre Bänke in den Keller
Die Landschaft atmet aus, der Puls der Stadt wird wieder schneller
Ganz Europa wirft sich in die vertraute Arbeitsweste
Der graue Alltag hat uns hochgebracht - vielleicht ist der für uns das Beste?

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschloch – wortfront 2006

Gesang: Sandra Kreisler
Solo-Cello: Séverine Ballon


 

Söldner der Gegenwart
Text und Musik: Roger Stein

 

Ich bin immun gegen Titten, die für irgendein Produkt steh’n
Ich bin immun gegen Träume, die bei Tageslicht geduckt geh’n
Ich bin immun gegen Ideale, denn die sterben als Parole
Ich bin immun gegen Günther Jauch, und den Traum der grossen Kohle
Ich bin immun gegen Regen, ich werde nicht mal nass
Ich bin immun gegen Liebe, denn auch die will immer was
Ich bin immun gegen Menschen, weil die immer was bezwecken
Ich bin auch dann immun, wenn sie neben mir verrecken

 

Runter auf den Boden der Fakten
ich hab keine Zeit für das Spiel mit dem Abstrakten
bleibe immer smart, aber hart, Feuer frei und volle Fahrt
denn ich bin ein Söldner der Gegenwart
Runter auf den Boden der Fakten...

 

Ich bin immun gegen Winde, denn die wollen dich nur lenken
Ich bin immun gegen Gedanken, wenn sie and’re denken
Ich bin immun gegen Leben, denn das führt ja nur zum Tod
Ich bin immun gegen Werbung und jedes Sonderangebot
Ich bin immun gegen Lachen, danach kommen die Tränen
Ich bin immun gegen Sitcoms, die bringen mich zum Gähnen
Immun gegen Kuschelrock und angepassten Show-Pop
Denn geb’ ich Euch hier einen postmodernen Blow-Job

 

Runter auf den Boden der Fakten
ich hab keine Zeit für das Spiel mit dem Abstrakten
bleibe immer smart, aber hart, Feuer frei und volle Fahrt
denn ich bin ein Söldner der Gegenwart
Runter auf den Boden der Fakten...

 

Überall da draussen  auf den breiten Pisten
Schiessen sie mit Träumen  auf wehrlose Zivilisten,
versprechen dir für ein paar Cent die grosse Offenbarung
Doch Sicherheit, ist nur für meine Zweifel neue Nahrung
Und ich trage meine Klugscheisse bis ins Eulennest
Und halte mich am Rest von ein paar Säulen fest
Mein Herz hab ich zu Hause,
aber mein Verstand ist hart
denn ich bin ein Söldner der Gegenwart

 

Runter auf den Boden der Fakten
ich hab keine Zeit für das Spiel mit dem Abstrakten
bleibe immer smart, aber hart, Feuer frei und volle Fahrt
denn ich bin ein Söldner der Gegenwart
Runter auf den Boden der Fakten...

 

(Aus: Lieder eines Postmodernen Arschloch – wortfront 2006)


 

 

Kein Beweis
Text und Musik: Roger Stein

Dass ich atme, ist noch kein Beweis, dass ich auch leb
Dass mein Herz schlägt, kein Beweis, dass ich auch beb
Dass ich was kriege, kein Beweis, dass ich’s was erstreb
Dass ich wohin komm, kein Beweis, dass ich irgendwas beweg

Dass ich mich bücke, kein Beweis, das ich mich duck
Dass es mich kratzt, kein Beweis, dass es mich auch wirklich juckt
Dass ich nicht kotze, kein Beweis, dass ich nicht vieles schluck
Dass ich keinen Stein werf’, kein Beweis, dass ich nicht spuck

Dass ich gehe, ist noch kein Beweis für ein Wohin
Und ein Grund war noch nie ein Beweis für einen Sinn
Dass ich komme, kein Beweis für ein wovon und ein woher
Und von dem einen viel, ist noch kein Beweis für mehr

Dass ich renne, kein Beweis, dass ich nicht lauf
Dass ich mich anstell’,  kein Beweis, dass ich was kauf
Dass ich schwimme, kein Beweis, dass ich nicht hier ersauf
Und dass ich warte, ist noch kein Beweis für irgendein worauf

Bleibe in Bewegung – stell die Schuhe stets bereit.
Ein paar warme Socken sind noch keine Sicherheit
Bleibe in Bewegung – egal was auch passiert.
Irgendwer hat dich als Verlust bereits kalkuliert

Dass du nicht blind bist, kein Beweis, dass Du was siehst
Dass etwas nass ist, kein Beweis, dass es auch fliesst
Dass Du was säst, kein Beweis, dass deine Saat auch spriesst
Dass einer anlegt, kein Beweis, dass er auf wen Ander’n schiesst

Dass einer fragt, kein Beweis, dass er’s sich nicht einfach nimmt
Dass der Bildschirm etwas sagt, ist kein Beweis, dass es auch stimmt
Dass einer lächelt, kein Beweis, dass er nicht auch heimlich grinst
Dass er dir was leiht, kein Beweis, dass er’s nicht verzinst

Dass dir wer hilft, ist kein Beweis, dass er dich auch wirklich stützt
Dass dich wer braucht, ist kein Beweis, dass er dich nicht nur benützt
Dass jemand reich ist, kein Beweis, dass er selber dafür schwitzt
Dass jemand stark ist, kein Beweis, dass er Dich im Notfall schützt

Bleibe in Bewegung – stell die Schuhe stets bereit.
Ein paar gute alte Freunde sind längst keine Sicherheit
Bleibe in Bewegung – egal was auch passiert.
Irgendwer hat dich als Verlust bereits kalkuliert

Dass jemand steht, ist kein Beweis, dass er niemals lag
Dass er was schafft ist kein Beweis, dass man’s selber auch vermag
Dass Du allein bist, ist noch kein Beweis, dass dich keiner mag
Dass es Nacht ist, ist noch kein Beweis für einen neuen Tag.

Dein Versteck ist kein Beweis, dass ich’s nicht benenn’
Dass ich Angst hab, kein Beweis, dass ich deswegen renn
Dass ich kühl bleib, kein Beweis, dass ich nicht wirklich brenn
Und dass ich dich liebe - kein Beweis, dass ich dich kenn

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006

Gesang: Sandra Kreisler
Solo-Cello: Ulrich Maiss


 

Sommerkind

Text & Musik: Roger Stein

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei
Ihre Liebe verstreut sie filterlos – wie der Tag sein täglich Licht
Und die paar grauen, fremden Blicke fallen gar nicht ins Gewicht
Ihre Welt kennt tausend Farben, und die sind vom Nutzwert frei
Und wenn sie strauchelt, und wenn es regnet, es regnet an ihr vorbei

Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Wie’s die meisten Menschen nicht mal mehr im Sommer sind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Und sie hängt ihr leises Lächeln in den Sommerwind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind

Sie sieht stundenlang nur die Wolken an und jede hat ihr eigenes Gesicht
Schönheit ist ein Teil von Relativität, nur wir – wir sehn das nicht
Sie lebt nach keinem Plan, nach keiner Strategie, pflückt nur vom Augenblick die Späne
Sie weiss, selbst wenn es einen Gott gibt, der lacht nur über Pläne
Aber auch dort wo’s für uns nichts gibt, nimmt sie immer etwas wahr
In jeder Stille gibt es Töne, leise, unhörbar


Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Wie’s die meisten Menschen nicht mal mehr im Sommer sind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Und sie hängt ihr leises Lächeln in den Sommerwind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind

Sie hat keine Funktion im Gesamtsystem: Sie ist nur weil sie ist
Es gibt niemand, der sie braucht, der sie benützt
aber auch niemand, – der sie vermisst

Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Wie’s die meisten Menschen nicht mal mehr im Sommer sind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind
Und sie hängt ihr leises Lächeln in den Sommerwind
Sie ist ein Sommerkind,
sie ist ein Sommerkind

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006
Solo-Cello: Séverine Ballon




Schwalbe
Text & Musik: Roger Stein

Du bist Du, hast Du geglaubt, und so wie Du ist sonst hier keine
Doch irgendwann erkennst Du, Du bist auch nur irgendeiner
Von den Abermillionen, die auf diesem Erdball leben
Hier wohnen wie die Drohnen an ihrem kurzen Leben kleben

Du träumst doch stets davon als Mister Spok die Welt zu retten
Und möchtest doch nichts andres, als Dich gemütlich betten
Und wie Ketten hängen Deine Träume an dir dran
und weil Du nichts zu Ende bringst, fängst Du auch gar nichts an

Man kann ja nicht alles, und gar nichts ist genug
Und Du denkst Dir, Du bist glücklich, doch das ist nur Betrug
Und der Zug des Lebens rast im Flug an Dir vorbei
Es ist Dir einerlei – denn Du weißt, Du bist nicht frei

Du weißt, Du kannst nicht fliegen...
Du weißt, Du kannst nicht fliegen
Du stehst verlassen auf der Landebahn
Und schaust Dir ein paar Schwalben an
Die sich in den Lüften wiegen
Aber Du kannst nicht fliegen

Alle Wasser fliessen irgendwann ins Meer
Doch Du weinst nicht mal mehr deinen Tränen hinterher
So sehr bist du schon leer – oder sagt man Realist?
Alles Worte, die umschreiben, dass man schwer geworden ist

Dass man wer geworden ist, der auf festen Beinen steht
Dem nicht mehr jeder Sommer leicht und leis’ das Herz verdreht
Der Schmerz verweht, und mit ihm auch dein Lieben
Und nur Du allein bist hier zurückgeblieben

Du weißt, Du kannst nicht fliegen...
Du weißt, Du kannst nicht fliegen
Du stehst verlassen auf der Landebahn
Und schaust Dir ein paar Schwalben an
Die sich in den Lüften wiegen
Aber Du kannst nicht fliegen

Zäh ist der Staub, und das Laub zu deinen Füssen…
Und irgendjemand lässt dich aus dem Urlaub herzlich grüssen
Und so ziehst du deine Kreise
Und du weißt, du wirst nie weise
Und denkst Dir leise: Ich bin ja doch nur auf der Durchreise

Du weißt, Du kannst nicht fliegen...
Du weißt, Du kannst nicht fliegen
Du stehst verlassen auf der Landebahn
Und schaust Dir ein paar Schwalben an
Die sich in den Lüften wiegen
Aber Du kannst nicht fliegen

(Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006)
Gesang: Sandra Kreisler




Erst einen Kaffee
Text & Musik: Roger Stein


Man sollte sich viel mehr engagieren
Man sollte Meinung nicht kopieren
Man sollte selber reflektieren
– Aber das ist nicht so leicht

Man sollte politisch wacher bleiben
Man sollte Selbst-Kritik betreiben
Für den Regenwald was unterschreiben
– auch wenn es manchmal reicht

Man sollte seinen Schiller kennen
Man sollte die Dinge beim Namen nennen
Man sollte auch den Abfall trennen
– Und zwar einwandfrei

Man sollte das Fahrrad gut anketten
Man sollte nicht auf Pferde wetten
Und sollte diese Erde retten
– aber das nur nebenbei

Lass mich bitte mal in Ruhe und sei einfach einmal still
Es gibt so Vieles, was man sollte, und so wenig, was man will

Doch ich will erst mal nen Kaffee –
Ich will erst mal nen Kaffee
Einen Kaffee und zwei Zucker und ein Frühstücksei
Und danach bin ich sicherlich auch gern dabei

Ich will erst mal nen Kaffe –
ich will erst mal nen Kaffee
Einen Kaffee und ein Croissant mit etwas Butter dran    
Und danach bin ich bereit und packe gleich mit an              
 

Man sollte den Optimismus hissen
Man sollte nicht an Bäume pissen
Man sollte Omas Geburtstag wissen
–            zumindest dieses Jahr

Man sollte die Konsumsucht zügeln
Man sollte Schwarze nicht verprügeln
Man sollte die Hemden richtig bügeln
– das ist ja allen klar

Man sollte öfters offen sein
Bei Tsunamis echt betroffen sein
Sollte weniger besoffen sein
– was ja leider selten geht

Man sollte Krisen überwinden
Und Tierversuche unterbinden
Ich will erst mal einen Parkplatz finden
– wir sind schon jetzt zu spät

Lass mich bitte mal in Ruhe und sei einfach einmal still
Es gibt so Vieles, was man sollte, und so wenig, was man will

Doch ich will erst mal nen Kaffee –
Ich will erst mal nen Kaffee
Einen Kaffee nen BMW, und nen Garten und ein Haus
Und danach schaut’s bei mir im Kalender besser ausDoch ich will erst mal nen Kaffee –
Ich will erst mal nen Kaffee
Erst einen Kaffee und einen Sitz in einem Aufsichtsrat
Und danach bin ich bereit und schreite gleich zur Tat

Mach bitte keinen Aufstand und mach nicht so nen Krach
Ich bin erst knappe 30 – da ist man noch nicht wach
Die paar Gewissensbisse reichen mir noch nicht zur Scham
Man kümmert sich eben erst mal um den eignen Kram

Und um die Rüben und Radieschen im eignen Gartenbeet
Es ist vieles zu abstrakt – doch Radieschen sind konkret
Sag, wie machen das die andern – die ich alle um mich seh
Ich hege den Verdacht, die wollen alle …

Erst mal nen Kaffee –
wir wollen erst mal nen Kaffee
Einen Kaffee, einen Bonus und mein Urlaubsgeld
und danach retten wir die ganze Welt

Erst mal nen Kaffee –
Erst mal nen Kaffee
Erst einen Kaffee und eine Rente und ne Sicherheit
Und danach sind auch wir endlich zur Tat bereit

Ich will erst mal nen Kaffee –
ich will erst mal nen Kaffee
einen Kaffee und ein Penthouse in der Innenstadt
doch davor sind meine Kräfte leider furchtbar matt

Ich will erst mal nen Kaffee –
ich will erst mal nen Kaffee
Einen Kaffee und im Alter meine Enkel sehn
Und danach ist es zu spät – dann muss ich eh schon gehen


Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006



Beifahrer der Belanglosigkeit
Text und Musik: Roger Stein

Ein schneller Händedruck – ein Gruss – sag locker: CU
He did it his way – and that’s the way we do
Ein Blick, der nichts bedeutet, ein Kaffee noch Steh’n
Man schickt ein leeres Lächeln im Vorüber geh’n

Um die Augen unterdrückt noch ein Muskel, eine Regung
Wir müssen wieder weiter – bleiben immer in Bewegung
Ein paar junge starke Krieger steh’n versprengt am Horizont
Und sehnen sich vergeblich nach einer klaren Front

Denn ein bisschen Selbstentfaltung, partielle Selbstgestaltung
Ist doch unser gutes Recht auf menschlich-artgerechte Haltung
Auch wenn die eigne Sehnsucht aus dem Herzen emigriert
Nein, ich hab keine Zweifel  – ich bin super motiviert.

Wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
für den Hunger unserer Seelen gibt’s kein Brot mehr
Wir sind innerlich steril,
doch unser Zustand bleibt stabil
Es gibt kein Ziel bei diesem Spiel
und wir erwarten auch nicht viel
Denn wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
Und rollen vorwärts, als ob alles im Lot wär
Nur unsere Liebe ist unsre letzte Notwehr

Was sollen wir bekämpfen, und was noch kritisier’n
Kritik ist oft auch nur ein Weg um Verantwortung zu delegier’n
Lass die Unersättlichen nach ihren Perlen tauchen
Wir haben doch im Grunde alles, alles was wir brauchen

Ein bisschen Sehnsucht zum verpfänden – und ein paar Taten an den Händen
Die schmutzig machen
Auf dem Dach erhängte Klagen – und ein paar verdrängte Fragen
Die stutzig machen

Ne Handvoll Treibsand fürs Getriebe – und ein halbes Kilo Liebe  
zum selber Mischen
ein Stück Mut mit Schweissschutzbrille – und ne Packung freier Wille
zum Arschauswischen

Wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
für den Hunger unserer Seelen gibt’s kein Brot mehr
Wir sind innerlich steril,
doch unser Zustand bleibt stabil
Es gibt kein Ziel bei diesem Spiel
und wir erwarten auch nicht viel
Denn wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
Und rollen vorwärts, als ob alles im Lot wär
Nur unsere Liebe ist unsre letzte Notwehr

Unsre Vorsicht ist das letzte bisschen Rest – von unsrem Spürsinn
Ich signalisier, dass ich eventuell „dafür“ bin
Wenn wir das „wohin“ ungenauer definier’n
Schliesslich will man sich doch nicht  durch Bedingungen blockier’n!

Selbst ein guter alter Freund, der im Strom der Jahre abtreibt
Ist doch nichts als ein Betrag, den man von der Steuer abschreibt
Ja, wir waren einmal eng, und die Erinnerung ist schön
Aber irgendwann muss jeder wieder seine Wege gehen

Denn das ist unser Los.
Und das ist unsere kleine Zeit.
Und wir haben eben Angst vor jeglicher Verbindlichkeit
Wenn ich eine Gruppe wär, dann würde ich was schrei’n
Doch in meinem Pass steht: „Du bist ganz allein“

Wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
für den Hunger unserer Seelen gibt’s kein Brot mehr
Wir sind innerlich steril,
doch unser Zustand bleibt stabil
Es gibt kein Ziel bei diesem Spiel
und wir erwarten auch nicht viel
Denn wir sind Beifahrer der Belanglosigkeit
Und rollen vorwärts, als ob alles im Lot wär
Nur unsere Liebe ist unsre letzte Notwehr

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006
Gesang: Sandra Kreisler


 

Postmodernes Arschloch
Text und Musik: Roger Stein

Sind sie jung und dynamisch und verfügen über einen
eigenständig-zielorientierten Workflow,
mit kompetenter Kommunikationsfreudigkeit –
sowie über sicheres Auftreten und gewinnendes Äusseres
mit natürlicher Autorität?
Sind sie begeisterungsfähig, spontan und belastbar
und bringen viel Eigeninitiative und hochmotivierte Teamfähigkeit mit?
Dann schicken sie uns ihre Bewerbung!

Ich fahre BMW und fresse Hamburger vom Schwein
Bin bei Greenpeace und beim WWF und schlaf dann ruhig ein
Ich bin für Frieden und für Wale und ich bin auch Pazifist
Aber bitte, bitte nur solang es auch rentabel ist

Ich schwimm autonom im Strom und bin trotzdem eigenständig
Ich bin immer nur Symptom und gegen jeden Einwand wendig
Bin Consulter und Gestalter und Kreativ-Verwalter
Ich bin ein zeitgemässer Prototyp und ein Ersatz-Platz-Halter

Ich bin dynamisch wie ein Aalfisch und geistig polygamisch
Denk mechanisch, amerikanisch und lebe sehr titanisch
Bin flexibel, disponibel und ziemlich unsensibel
Bin fungibel untangibel -  aber immer: KOMPATIBEL

Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
und ich sag euch jetzt wo’s lang geht
Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
auch wenn Euch das doch gar nichts angeht!
Ich bin ein Postmodernes Arschloch            
und sitz in jedem von Euch drin,
weil ich so in Mode bin

Ich bin demonstrativ, innovativ unglaublich produktiv
Bin so kommunikativ, interaktiv, Fitnessaktiv
Bin informiert und optimiert, computerkastriert, versiert
Und meine Meinung kommt bereits vorformatiert

Weil ich Verbissenheit und Zweifel schon von weitem in dem Bann schlag
Bleib ich locker kompromissbereit – bis zum Anschlag
Ich bin Soloplayer – aber Teamorientiert
Laufe nicht ins Abseits: Ich bleib Mainstream-integriert

Ich bin so trendig und bin wendig – überzeugter Allesfresser
Ich mach alles besser, und ich laufe nicht ins Messer
Bin Verdränger und Vergesser, ohne Restziele
Ich bin ne lukrative Pestschwiele wie die Bayreuther Festspiele

Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
und ich sag euch jetzt wo’s lang geht
Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
auch wenn Euch das doch gar nichts angeht!
Ich bin ein Postmodernes Arschloch            
und sitz in jedem von Euch drin,
weil ich so in Mode bin

Ich hab ein Ego, das auf Flügeln, wie RedBull schwebt.
Loyalität, deren Wert gegen null strebt
Bleibe relativ; Und halt die Augen offen
in Bezug auf ein Betrifft, -  doch ich bin niemals selbst betroffen
Ich bin ne Variable – bin das X im Algorithmus,
trage immer nur den Wert, der im Schritt gerade mit muss.
Ich bestech’ als Paradigma aus der Kraft meiner Beugung
Ich bin der Mann ohne Eigenschaften, aber das mit Überzeugung!

Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
und ich sag euch jetzt wo’s lang geht
Ich bin ein Postmodernes Arschloch,
auch wenn Euch das doch gar nichts angeht!
Ich bin ein Postmodernes Arschloch            
und sitz in jedem von Euch drin,
weil ich so in Mode bin

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006.
Gesang: Sandra Kreisler & Roger Stein


 

Herz
Text & Musik: Roger Stein

Ich bin es Dein Herz, und ich scherz nicht, wenn ich sage, merkst Du nicht
wie leis ich nur noch poch 
Ich weiss Du hörst nicht hin – und ich spreche doch
Weißt Du überhaupt noch, dass es mich noch immer gibt?
Du hast mich längst vergessen, hast so lang nicht mehr geliebt
Ja, ich bebe und ich lebe, schiess’ das Blut in seine Bahn
Doch für Dich bin ich doch lediglich ein pumpendes Organ
Womit hab ich’s verdient, dein armes Herz zu sein
Ich kann ja doch nur pochen, denn ich hab kein’ Mund zum schrei’n
Tag aus und Tag ein, in Deiner engen Brust allein
mich trifft kein Sonnenschein, denn Du lässt ihn ja nicht rein.
Als Du noch ein Kind warst, bin ich noch hoch gesprungen
Zusammen mit den Herzen von all den andern Jungen
Und gesungen haben wir und konnten laut frohlocken
Doch heute muss ich still in deinem dunklen Inner’n Hocken
Tränentrocken -  bin ich längst und stubenrein
Ich habe es gelernt, ein erwachsenes Herz zu sein
Misch mich nicht ein, sondern lehne mich nach Backbord
Irgendwann trägt man uns beide dann im Sack fort
Ich habe Schweigepflicht, auch wenn ich’s nicht tu
Auch wenn ich nicht wie Milz und Magen nur die Pflicht tu
Täglich meine 24 Stunden Schicht tu
Ohne Aussicht auf ein Licht, das nur für Dich tu
Mein Ruf verhallt und verstummt in deinen Venen
Ich sag’s mit jedem Schlag, doch Du hörst es nicht, mein Sehnen
Nach Lieben, nach Leben
Mit ganz und gar geschenkt, an ein anderes Herz zu geben
Willst Du mich allein besitzen, wirst du mich erst recht verlieren
Denn in deinen engen Gittern werde ich schon bald erfrieren.
Bin nicht gebaut -, in deiner Brust allein zu sein
Es klopft sich soviel leichter, steigt ein anderes Herz mit ein
Ich bin dein Urquell, bin dein Leben, dein Woher und Dein Wohin
Und Du kannst nur glücklich sein, wenn auch ich es bin
Schliesslich bin ich doch mit Dir in deinem eignen Leib geboren
Aber du hast es verschissen und dein Herz für Dich verloren
Ich bin müde – ach was soll ich Dir noch sagen
Ich tu’s längst nur noch aus Pflicht, als Dein Herz für Dich zu schlagen
Doch der Tag wird einmal kommen, wenn ich einfach nicht mehr will
Und vielleicht kommst Du dann drauf: denn dann steh ich...

Aus: Lieder eines Postmodernen Arschlochs - wortfront 2006